Niedergrunstedt/Weimar, 20. Juni 2026
Mit einer eindrucksvollen musikalisch-literarischen Veranstaltung wurde am Samstag, dem 20. Juni 2026, in der St. Mauritius-Kirche in Niedergrunstedt an die Weimarer Bücherverbrennungen des Jahres 1933 erinnert. Zahlreiche Gäste waren der Einladung gefolgt, um gemeinsam ein Zeichen für Erinnerung, kulturelle Vielfalt und demokratische Werte zu setzen.
Historisch ist Niedergrunstedt eng mit den Ereignissen der nationalsozialistischen Bücherverbrennungen verbunden. Ein Teil der in Weimar verbrannten Bücher wurde damals auf die Müllkippe des heutigen Ortsteils gebracht. Damit wurde Niedergrunstedt zu einem stillen Zeugen eines der dunkelsten Kapitel deutscher Kulturgeschichte.
Die Veranstaltung verband Literatur, Musik und historische Reflexion zu einem bewegenden Programm des Gedenkens. Pfarrer Joachim Neubert eröffnete die Lesung, die musikalisch von Grit Roos und Katrin Stöck an der Orgel begleitet wurde. In ihren Beiträgen erinnerten die Mitwirkenden an verfolgte und verbotene Autorinnen und Autoren sowie an die Zerstörung kultureller Vielfalt durch das nationalsozialistische Regime.
Ein besonderer Schwerpunkt lag auf dem polnischen Nationaldichter Adam Mickiewicz, dessen Werk und Lebensweg die europäische Dimension der Veranstaltung eindrucksvoll unterstrichen. Agata Hackmann stellte Mickiewicz und sein Werk „Pan Tadeusz“ vor und trug Passagen in polnischer Sprache vor. Martin Bock ergänzte die Lesung mit Auszügen aus einer englischen Ausgabe des Werkes aus dem Jahr 1930.
Aktiv an der Gestaltung der Veranstaltung beteiligten sich auch der Vorsitzende des Weimarer Dreieck e.V., Dieter Hackmann, sowie weitere Mitglieder des Vereins. Mit Lesungen, historischen Einordnungen und persönlichen Beiträgen brachten sie sich in das Programm ein und unterstrichen die Bedeutung einer lebendigen europäischen Erinnerungskultur.
Ein besonderer Programmpunkt war die Erinnerung an Marian Turski. Dieter Hackmann würdigte den Holocaust-Überlebenden, Historiker, Journalisten und langjährigen Präsidenten des Internationalen Auschwitz Komitees als eine der wichtigsten moralischen Stimmen Europas. Turski, der am 26. Juni 2026 einhundert Jahre alt geworden wäre, überlebte das Ghetto Łódź, das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau sowie die Todesmärsche der letzten Kriegsmonate. Bis zu seinem Tod im Februar 2025 setzte er sich unermüdlich für die Bewahrung der historischen Erinnerung, die deutsch-polnische Verständigung und die Verteidigung demokratischer Werte ein.
Weltweite Beachtung fand seine Rede zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz im Jahr 2020. Darin formulierte er sein berühmtes „elftes Gebot“: „Du sollst nicht gleichgültig sein.“ Link: https://www.auschwitz.info/de/gedenken/gedenken-2020/2020-01-27-marian-turski-das-elfte-gebot.html Mit dieser eindringlichen Mahnung warnte er vor den ersten Anzeichen von Ausgrenzung, Diskriminierung und Menschenfeindlichkeit. Seine Worte gelten heute als eine der bedeutendsten Botschaften der europäischen Erinnerungskultur und besitzen angesichts aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen eine unverminderte Aktualität.
Weitere Lesungen widmeten sich unter anderem Kurt Tucholsky, Fritz Löhner-Beda, Selma Meerbaum-Eisinger sowie Jaroslav Hašek. Die vorgetragenen Texte machten deutlich, wie vielfältig die europäische Literatur war, die durch die Nationalsozialisten verfolgt, verboten oder vernichtet werden sollte.
Die verwendeten Bücher und Originaltexte stammten aus den Archivbeständen der Familie Bock, die über viele Jahre hinweg seltene historische Ausgaben zusammengetragen hat. Dadurch erhielten die Lesungen eine besondere Authentizität und Nähe zur Zeitgeschichte.
Musik, Literatur und historische Erinnerung verbanden sich zu einem eindrucksvollen Gesamtbild. Die Veranstaltung erinnerte nicht nur an die Zerstörung von Büchern und Kultur, sondern auch an die Menschen, deren Stimmen zum Schweigen gebracht werden sollten. Sie machte deutlich, dass die Verbrechen des Nationalsozialismus nicht allein gegen Menschenleben gerichtet waren, sondern ebenso gegen das kulturelle Gedächtnis Europas. Die Bandbreite dieser Zerstörung reichte von der Verfolgung und Vernichtung europäischer Literatur bis zur Zerstörung bedeutender Kulturdenkmäler wie des Adam-Mickiewicz-Denkmals in Krakau.
Zum Abschluss der Veranstaltung versammelten sich die Teilnehmenden am Gedenkbaum „Apfel KZ 3“. Dort wurde in stiller Erinnerung der Opfer nationalsozialistischer Verfolgung gedacht. Über der Veranstaltung stand dabei das bekannte Wort Heinrich Heines aus seinem Drama „Almansor“:
„Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“
Die Gedenkveranstaltung machte eindrucksvoll deutlich, dass Erinnerung nicht allein der Vergangenheit gilt, sondern stets auch Verantwortung für Gegenwart und Zukunft bedeutet. Gerade in einer Zeit, in der Antisemitismus, Ausgrenzung und demokratiefeindliche Tendenzen wieder sichtbar werden, bleibt die Auseinandersetzung mit der Geschichte eine zentrale Aufgabe der europäischen Zivilgesellschaft.
Mit Adam Mickiewicz und Marian Turski standen dabei zwei herausragende polnische Persönlichkeiten im Mittelpunkt, deren Lebenswerke für Freiheit, Menschenwürde, kulturellen Dialog und ein friedliches Europa stehen – Werte, die auch den Gedanken des Weimarer Dreiecks bis heute prägen.




