Weimar, 22. Oktober 2026. Was verbindet junge Menschen aus Deutschland, Frankreich und Polen? Welche Bedeutung hat die gemeinsame europäische Geschichte für ihre Gegenwart und Zukunft? Und welche Rolle kann das Weimarer Dreieck 35 Jahre nach seiner Gründung dabei spielen?
Mit diesen Fragen beschäftigten sich 20 Studierende der Universitäten Trier, Montpellier und Wrocław vom 18. bis 22. Oktober 2026 in Weimar. Das fünftägige Seminar „Europa im Spiegel von Geschichte, Kultur und Politik: Das Weimarer Dreieck im trilateralen Dialog“ verband wissenschaftlichen Austausch, historisch-politische Bildung und persönliche Begegnungen.
Organisiert wurde das Projekt vom Weimarer Dreieck e. V. in Zusammenarbeit mit den drei beteiligten Universitäten. Das Seminar wurde durch das Deutsch-Polnische Jugendwerk (DPJW) gefördert. Die Europäische Jugendbildungs- und Begegnungsstätte Weimar (EJBW) bot den Rahmen für das gemeinsame Lernen und den trilateralen Austausch.
Drei Universitäten, deren Geschichte Europa erzählt
Eine Besonderheit des Projekts war die Zusammenarbeit dreier traditionsreicher Universitäten, deren Entwicklung eng mit der wechselvollen Geschichte Europas verbunden ist.
Die Universität Trier, erstmals 1473 gegründet, zählt zu den traditionsreichen Universitäten Deutschlands. Während der französischen Herrschaft wurde sie 1798 geschlossen und erst 1970 wiedergegründet. Ihre Geschichte spiegelt damit auch die politischen und kulturellen Verflechtungen zwischen Deutschland und Frankreich wider.
Die Université Paul-Valéry Montpellier steht in der Tradition der 1289 gegründeten Universität Montpellier, einer der ältesten Universitäten Frankreichs. Die heutige Universität entstand im Zuge der Neuordnung der französischen Universitätslandschaft um 1970 und ist insbesondere den Geistes-, Sprach-, Kultur- und Sozialwissenschaften verbunden. Sie trägt den Namen des französischen Schriftstellers und Dichters Paul Valéry.
Die Universität Wrocław (Breslau) wurde 1702 als Leopoldina gegründet. Ihre Geschichte verbindet deutsche, polnische und mitteleuropäische Wissenschaftstraditionen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie als polnische Universität neu aufgebaut, maßgeblich geprägt durch Wissenschaftler aus dem damaligen Lwów (Lemberg). Sie steht damit in besonderer Weise für historische Umbrüche, kulturelle Verflechtungen und wissenschaftliche Neuanfänge in Europa.
Gerade diese unterschiedlichen historischen Erfahrungen verliehen dem gemeinsamen Seminar eine besondere Bedeutung. Die Studierenden begegneten sich nicht nur als junge Menschen aus drei Ländern, sondern auch als Angehörige dreier Universitäten, deren Geschichte selbst ein Stück europäischer Geschichte erzählt.
Wissenschaftlich begleitet wurde das Projekt von Prof. Dr. Henrieke Stahl von der Universität Trier, Prof. Dr. Andrea Chartier-Bunzel von der Université Paul-Valéry Montpellier und Prof. dr hab. Marek Hałub von der Universität Wrocław.
Europa gemeinsam verstehen und gestalten
Während des fünftägigen Seminars setzten sich die Studierenden mit den historischen Grundlagen der europäischen Zusammenarbeit, der Entwicklung des Weimarer Dreiecks und aktuellen politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen auseinander.
Den wissenschaftlichen Auftakt bildeten die Vorstellung der drei Universitäten und der Fachvortrag „Geschichte des Weimarer Dreiecks“ von Prof. Dr. Andrea Chartier-Bunzel. Im Mittelpunkt standen die Entstehung der trilateralen Zusammenarbeit und ihre Bedeutung für die europäischen Beziehungen.
Unter dem Titel „Europas Schönheit – die lebendige Gestalt der Freiheit oder was Schiller uns heute noch zu sagen hat“ beschäftigte sich Prof. Dr. Henrieke Stahl mit dem Freiheitsverständnis Friedrich Schillers und dessen Aktualität für das heutige Europa.
Einen weiteren historischen Schwerpunkt setzte der gemeinsame Vortrag von Prof. dr hab. Marek Hałub und Dr. Theophil Gallo: „Hambacher Dreieck? Hambacher Fest als Basis des Weimarer Dreiecks“. Die Referenten beleuchteten die europäischen Freiheitsbewegungen des 19. Jahrhunderts und insbesondere die deutsch-polnische Solidarität beim Hambacher Fest von 1832.
In trilateralen Arbeitsgruppen vertieften die Studierenden anschließend drei Themen: „Erinnerungsorte“, „Stereotype“ und „Trilaterale Übersetzung“. Die Ergebnisse wurden gemeinsam im Plenum vorgestellt und diskutiert. Dabei standen unterschiedliche nationale Perspektiven, historische Erfahrungen und die Bedeutung von Sprache für die europäische Verständigung im Mittelpunkt.
Das Programm verband die wissenschaftlichen Vorträge und Workshops mit der Erkundung Weimars als europäischem Kultur- und Erinnerungsort. Dazu gehörten unter anderem ein Besuch des Bauhaus-Museums, die Beschäftigung mit der Weimarer Klassik, Besichtigungen des Stadtschlosses und des Rokokosaals der Herzogin Anna Amalia Bibliothek sowie eine Exkursion zur Gedenkstätte Buchenwald.
Die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit verdeutlichte, dass europäische Zusammenarbeit nicht allein auf gemeinsamen politischen und wirtschaftlichen Interessen beruht, sondern ebenso auf historischer Verantwortung, gegenseitigem Verständnis und dem Schutz demokratischer Werte.
Zugleich bot das Seminar Raum für unterschiedliche nationale Perspektiven. Die Studierenden diskutierten darüber, wie Geschichte in ihren Ländern vermittelt wird, welche Erfahrungen ihre Generation mit Europa verbindet und welche Erwartungen sie an die zukünftige Zusammenarbeit zwischen Deutschland, Frankreich und Polen richtet.
„Weimar erzählt Europa“ – Begegnung am historischen Gründungsort
Ein zentraler Bestandteil des Projekts war die öffentliche Abendveranstaltung „Weimar erzählt Europa“ am 21. Oktober 2026 im Weimarer Rathaus. Dort kamen die Studierenden mit Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft und der deutsch-polnisch-französischen Zusammenarbeit ins Gespräch.
Der Veranstaltungsort hatte eine besondere symbolische Bedeutung: Im Weimarer Rathaus wurde am 29. August 1991 die Erklärung zur Gründung des Weimarer Dreiecks von den damaligen Außenministern Deutschlands, Frankreichs und Polens unterzeichnet. 35 Jahre später wurde dieser historische Ort erneut zum Schauplatz eines deutsch-polnisch-französischen Dialogs.
Im Mittelpunkt standen die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Weimarer Dreiecks. Vertreter aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft sowie Persönlichkeiten mit langjährigen Erfahrungen in der europäischen Zusammenarbeit diskutierten mit der jungen Generation über die Entwicklung Europas seit 1991.
Zu den Gesprächspartnern gehörten der Vorsitzende des Weimarer Dreieck e. V., Dieter Hackmann, Dr. Theophil Gallo, Dr. Wolfgang Pailer sowie die beteiligten Universitätsprofessorinnen und -professoren.
An der Veranstaltung nahm auch Michał Sarnicki, Botschaftsrat an der Botschaft der Republik Polen in Berlin, teil. Seine Anwesenheit unterstrich die enge Verbindung zwischen dem Weimarer Dreieck e. V. und den diplomatischen Vertretungen seiner Partnerländer. Sowohl die polnische als auch die französische Botschaft sind Mitglieder und Partner des Vereins und begleiten dessen Engagement für die deutsch-polnisch-französische Zusammenarbeit.
Einen weiteren historischen Bogen spannte Dr. Theophil Gallo, ehemaliger Landrat des Saarpfalz-Kreises und Vorstandsmitglied des Weimarer Dreieck e. V., mit dem Blick auf das Hambacher Fest von 1832. Bereits damals standen die Forderungen nach Freiheit, Demokratie und politischer Mitbestimmung im Zeichen grenzüberschreitender Solidarität. Insbesondere die Beteiligung polnischer Freiheitskämpfer machte das Hambacher Fest zu einem frühen Ausdruck deutsch-polnischer Verbundenheit. Dr. Gallo stellte zudem den Bezug zu einer deutsch-polnisch-französischen Begegnung auf dem Hambacher Schloss im Jahr 2001 her. Damit wurde deutlich, dass die Idee des Weimarer Dreiecks an eine weit zurückreichende Geschichte europäischer Verständigung anknüpft.
Dr. Wolfgang Pailer bereicherte den Austausch mit seinen langjährigen Erfahrungen aus der diplomatischen Praxis. Als Dolmetscher des Auswärtigen Amtes und der Deutschen Botschaft in Warschau begleitete er über viele Jahre politische Gespräche auf höchster Ebene zwischen Deutschland und Polen. Seine persönlichen Einblicke in die diplomatischen Beziehungen und seine Beschäftigung mit Persönlichkeiten der deutsch-polnischen Aussöhnung eröffneten eine weitere Perspektive auf die Entwicklung der europäischen Zusammenarbeit. Dr. Pailer ist unter anderem Autor einer Biografie über den polnischen Politiker und Wegbereiter der deutsch-polnischen Verständigung Stanisław Stomma.
Die Gespräche verbanden persönliche Erinnerungen an die politischen Umbrüche von 1989 und 1991 mit Fragen nach der heutigen Bedeutung des Weimarer Dreiecks und den Erwartungen an die zukünftige Zusammenarbeit.
Dabei wurde deutlich, dass europäische Verständigung nicht allein durch politische Institutionen entsteht, sondern vor allem durch persönliche Begegnungen, Vertrauen und die Bereitschaft, unterschiedliche Erfahrungen und Sichtweisen miteinander zu teilen.
Junge Menschen als Multiplikatoren für Europa
Das Seminar verfolgte das Ziel, junge Menschen als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren für die europäische Zusammenarbeit zu gewinnen. Die Begegnung sollte nicht mit dem Ende des fünftägigen Programms abgeschlossen sein, sondern Impulse für weitere wissenschaftliche Kooperationen, gemeinsame Projekte und persönliche Netzwerke geben.
Beim feierlichen Abschlussabend des Projekts erhielten die Studierenden ihre Teilnahmezertifikate. Diese wurden gemeinsam von Michał Sarnicki, Botschaftsrat an der Botschaft der Republik Polen in Berlin, Dieter Hackmann, Vorsitzender des Weimarer Dreieck e. V., und Dorothee Wassener, Vorstandsmitglied des Vereins, überreicht. Die Übergabe würdigte das Engagement der jungen Menschen und ihre intensive Auseinandersetzung mit der europäischen Geschichte, Kultur und Politik.
Mit Dorothee Wassener war dabei eine ausgewiesene Expertin der deutsch-französischen Bildungszusammenarbeit vertreten. Sie leitete bis 2018 das Büro des Bevollmächtigten der Bundesrepublik Deutschland für die deutsch-französischen kulturellen Angelegenheiten im Rahmen des Élysée-Vertrags. Heute engagiert sie sich als Beraterin für die Weiterentwicklung bilateraler und europäischer Bildungskooperationen. Ihre langjährige Erfahrung steht beispielhaft für die Verbindung institutioneller Zusammenarbeit mit konkreten Bildungs- und Begegnungsprojekten.
„Das Weimarer Dreieck lebt nicht allein von politischen Erklärungen, sondern vor allem von den Menschen, die seine Idee weitertragen. Wenn junge Menschen aus Deutschland, Frankreich und Polen gemeinsam Geschichte reflektieren, unterschiedliche Perspektiven kennenlernen und eigene Vorstellungen für Europas Zukunft entwickeln, wird aus einer politischen Initiative gelebte europäische Zusammenarbeit“, betont Paulina Kleiner, stellvertretende Vorsitzende des Weimarer Dreieck e. V. und Mitorganisatorin des Projekts.
Die Verbindung von wissenschaftlicher Arbeit, historischer Bildung und unmittelbarer Begegnung bildete den Kern des Seminaransatzes. Zugleich zeigte sich das Potenzial der Zusammenarbeit zwischen den drei Universitäten für zukünftige trilaterale Bildungsprojekte.
Das Seminar knüpfte an die bereits im September 2026 in Darmstadt durchgeführte trilaterale Studierendenbegegnung an und setzte einen weiteren Akzent im Jubiläumsjahr des Weimarer Dreiecks.
35 Jahre Weimarer Dreieck – Verantwortung für die Zukunft
Das Weimarer Dreieck wurde am 29. August 1991 von den Außenministern Hans-Dietrich Genscher, Roland Dumas und Krzysztof Skubiszewski gegründet. Ziel war es, die Zusammenarbeit zwischen Deutschland, Frankreich und Polen nach dem Ende der europäischen Teilung zu vertiefen und insbesondere Polen auf seinem Weg in die europäischen Strukturen zu begleiten.
Heute steht das Weimarer Dreieck nicht nur für außenpolitische Abstimmung, sondern ebenso für kommunale Partnerschaften, Jugendbegegnungen, wissenschaftlichen Austausch und zivilgesellschaftliche Zusammenarbeit.
Mit dem Studierendenseminar in Weimar unterstrich der Weimarer Dreieck e. V. die Bedeutung der jungen Generation für die Weiterentwicklung dieser Zusammenarbeit.
Die zentrale Botschaft des Projekts: Europas Zukunft entsteht dort, wo Menschen aus unterschiedlichen Ländern einander begegnen, ihre Geschichte gemeinsam reflektieren und Verantwortung füreinander übernehmen.






